Brecht, Bertolt: Die Hauspostille

Aus Moderne
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Bertolt Brecht (*10. Februar 1898 in Augsburg; † 14. August 1956 in Berlin)


Autor: Bertolt Brecht

Bertolt Brecht wurde am 10. Februar 1898 in Augsburg geboren. Er war ein einflussreicher deutscher Lyriker und Dramatiker des 20. Jahrhunderts. Brecht wuchs in ökonomisch und sozial gesicherten Verhältnissen auf. Früh begann er zu dichten, gemeinsam mit einem Freund brachte er auch die Schülerzeitung „Die Ernte“ heraus. Schon während seines Studiums konzentrierte er sich auf die Gegenwartsliteratur, darin wurde er auch durch seinen Vater unterstützt, der ihm eine Reinschrift seines Werks ermöglichte. Im Jahr 1926 gründete Brecht das epische Theater, hier verknüpfte Brecht zwei verschiedene Gattungen. Er kombinierte das Drama mit der Epik und schaffte so eine ganz eigene Art des Theaters. Bertolt Brecht hatte öfter wechselnde Liebschaften, manche verarbeitete er in verschiedenen Gedichten. Der Schülerin Rosa Maria Amann widmete er zum Beispiel das Gedicht „Erinnerungen an die Marie A.“ Seine wechselnden Liebschaften ziehen sich durch sein ganzes Leben. Er starb am 14. August 1956 in der Berliner Chausseestraße 125, Brecht litt seit seiner Kindheit an Herzproblemen, außerdem hatte er weitere organische Beschwerden. Es ist davon auszugehen, dass er an Herzversagen verstorben ist.

Titel: Die Hauspostille

„Die Hauspostille“ – Eine Gedichtanthologie mit 50 Gedichten.

Publikationsdaten

„Die Hauspostille“ ist eine Anthologie von Bertolt Brecht, welche im Jahr 1927 im Ullstein Verlag erschienen ist. Die 50 gesammelten Gedichte, die unter der „Hauspostille“ erschienen sind, wurden in der Zeitspanne von 1916 bis 1925 verfasst. Die Idee, diese Gedichte in einer Sammlung herauszubringen, entstand in den 20er Jahren. Der Weg der Veröffentlichung war jedoch nicht sehr gradlinig, denn eigentlich sollte die Anthologie schon 1922 erscheinen. Aus dieser Zeit stammt das Inhaltsverzeichnis mit der Einteilung in Kapiteln und Lektionen. Zeitgleich liefen auch Verhandlungen mit dem Kiepenhauer-Verlag, der an Brecht schon Zahlungen leistete. Brecht empfand seine Sammlung als unvollständig, daher zögerte er eine Veröffentlichung heraus. Auch seine Fokussierung darauf, sich als Dramatiker in der Weimarer Republik einen Namen zu machen, trägt dazu bei. Darüber hinaus erkannte Bertolt Brecht seinen Marktwert und war nicht bereit jedes Angebot anzunehmen. Brecht schwankte zwischen dem Kiepenhauer und dem Ullstein Verlag. Im Juni 1925 schloss Brecht mit dem Ullstein Verlag einen Generalvertrag ab, der besagte, dass das Band 1927 erscheinen sollte. Im Kiepenhauer Verlag erschien 1926 die verwandte „Taschenpostille“, die genau nach den Wünschen Brechts ausgestattet war. Diese gleicht der später erschienen „Hauspostille“ in einer abgespeckten Version. Die zweite Auflage der „Hauspostille“ erschien schon 1928, dort wurden kleinere Fehler der ersten Ausgabe ausgebessert. 1948 ordnete Brecht seine „Hauspostille“ noch einmal um. Die letzte Fassung ist aus dem Jahr 1956, hier waren die Überarbeitungsmaßnahmen enorm. Brechts Grundprinzip, dass kein Kunstwerk der Moderne abgeschlossen sei und stets den veränderten persönlichen und politischen Umständen anpassbar zu bleiben habe, spielte eine wesentliche Rolle. Dies untermauere auch den Werkstattcharakter der Werke aus dieser Zeit.

Moderne-Ansatz

Peter Sprengel in „Geschichte der deutschen Literatur von den Anfängen bis zur Gegenwart, Bd. IX, 2: 1900-1918. Von der Jahrhundertwende bis zum Ersten Weltkrieg, 2004 S. 581 – 616

Analyse

Bertolt Brechts „ Die Hauspostille“, welche 1927 erschienen ist, ist eine Gedichtanthologie von verschiedenen Gedichten, die auf parodistische Weise einen belehrenden Charakter auf den Leser haben sollen. Die Schlüsselthemen dieser Zeit waren die Verfremdung, die Abstand zum tatsächlichen Geschehen schaffen sollte. Auch die kritische Grundhaltung gegenüber der Welt wurde thematisiert. Die Gedichte dieser Sammlung sind in der Zeitspanne von 1916 bis 1925 entstanden. Ein besonderes Merkmal der Hauspostille ist die eigenwillige Anordnung und Handhabung des Buches. Brecht leitet seine Anthologie mit einer Anleitung zum weiteren Lesen ein, dies deutet daraufhin, dass man im Folgenden etwas lernen kann. Auch der weitere Verlauf der Strukturierung lässt erahnen, dass die Hauspostille keine leichte Kost zu lesen ist.

Die Gedichte sind in fünf verschiedene Lektionen eingeteilt, die durch je einen Unterpunkt charakterisiert werden. Als „Bittgänge“ bezeichnet Brecht die erste Lektion. Hier soll sich der Mensch von Gott befreien, Brecht appelliert an das Individuum und dessen eigene Gedankenfreiheit und führt damit einen sehr aufklärerischen Gedanken an. „Von Brot und den Kindlein“ heißt das erste Gedicht dieser Lektion. Hier veranschaulicht Brecht zwei verschiedene Welten, in denen Kinder leben. „Sie haben nicht gegessen Das Brot im hölzernen Schrein Sie riefen, sie wollten essen Lieber die kalten Stein“ (Strophe 1, Vers 1-4) Brecht beschreibt hier die Kinder der Christen, die das gewürzarme Brot verschmähen, weil sie sich nach etwas besseren sehnen. Somit wenden sich die eigentlich schuldfreien Kinder vom biblischen Brot ab und sehnen sich nach etwas, das nicht nur den Hunger stillt, sondern ihre Gelüste. Das Brot ist tief mit dem Christentum verankert, so wird es auch in dem Bittgesang des „Vater Unsers“ erwähnt. Die Kindlein, dessen Ursprung auch in der Bibel zu finden ist, sind nicht mehr frei von Sünde, da sie das, was sie haben nicht zu schätzen wissen. Im Folgenden spricht ein Schrank zu dem Brot, dass die Kinder noch ein Stückchen Brot ohne Gewürze zu schätzen wissen werden, wenn sie nur hungrig genug seien. (Strophe 3). Damit soll der Schrank Recht behalten. Die Kindlein, die mit der Suche nach „Gewürzen“ ihre Gelüste stillen wollen, finden sie nicht. In der sechsten Strophe widmet sich Brecht den Heiden. „Sie würden sich gerne stürzen Auf ein Stücklein Brot

Mit wenigen Gewürzen
Nur für des Leibes Not.“

Bertolt Brecht stellt mit diesem Gedicht die Unterschiede zwischen der armen und reichen Bevölkerung vor. Er zeigt, dass die Reichen sich nach etwas Besserem sehnen, während die Armen sich über Kleinigkeiten freuen würden, die die Reichen als selbstverständlich erachten. Ähnlichkeiten sind auch in der Theorie von Peter Sprengel zu erkennen. Er stellt in seiner Arbeit Lyriktheorien der Moderne heraus, die Bezug zu Bertolt Brechts „Hauspostille“ haben. Bei dem ersten Gedicht „Von Brot und den Kindlein“ ist auch eine einfache bzw. kindliche Sprache zu erkennen. Ein Nachweis für die verwendete Umgangssprache ist in Strophe 4 zu erkennen: „Da mussten sie ja gelangen Außer die Christenheit“ Sprengel thematisiert in seinem Werk auch die Kindersprache, die jedoch vor allem in der Kinderlyrik vorkommt. Aber auch Brecht bedient sich hier an der Darstellungsform und variiert seinen Wortschatz auf das Niveau eines Kindes. In den einzelnen Gedichten dieses Kapitels wendet sich Brecht auch direkt an den Leser und spricht diesen an. Durch die direkte Ansprache wird deutlich, dass der Mensch und nur der Mensch allein die Fähigkeit besitzt Situationen zu ändern. Auch in diesem Punkt weist Brechts Werk Ähnlichkeiten zu der Analyse Sprengels auf. Sprengel thematisiert in seiner Lyriktheorie auch das analytische Denken. Die Kompetenz des Menschen für sich selbst Verantwortung zu nehmen. Mit der „Hauspostille“ verfolgt auch Brecht den Versuch den Menschen die Augen zu öffnen. Brecht nimmt in seinen Gedichten die Haltung eines Lehrenden an, er erschafft so mit seiner Lyrik eine Befremdung. Der Leser wird aufmerksam und geht mit einer gewissen Distanz an ein Thema heran, welches ihn eigentlich genau betrifft.

„Exerzitien“ heißt die zweite Lektion der Anthologie, die an den Verstand des Menschen gerichtet ist. Brecht verfremdet hier die katholischen Riten, bei ihm geht es nicht um Enthaltsamkeit, sondern um „Fressen, Saufen und Huren“. Die Vielschichtigkeit der „Hauspostille“ ist nicht auf den ersten Blick erkennbar, die Gedichte meist kompliziert und schwer zu verstehen, trotz der Anleitung bzw. Interpretationshilfe, die Brecht am Anfang geliefert hat. In der zweiten Lektion wird das Verwerfliche am Menschen und am Christentum aufgezeigt, jedoch wird das freie, sündige Leben keinesfalls als perfekt und erstrebenswert hingestellt.

Die dritte Lektion, namens Chroniken, basiert auf die Geschichtsschreibung, hier werden historische Ereignisse in ihrer zeitlichen Abfolge in Prosawerken verarbeitet. Brecht spielt in den Chroniken mit den Begriffen Historizität, Faktizität und Authentizität. Auch Ahistorizität, neben den wahren Handlungssträngen aus der Historie, baut Brecht in seine Gedichte als fiktive Lebensläufe der Personen ein. Er thematisiert hier die Andersartigkeit, denn er geht nicht auf die Heldenlegende ein, sondern schafft eine Antiheldenlegende, in der der Täter sogleich auch das Opfer ist. Das erste Gedicht dieser Lektion heißt „Ballade von den Abenteurern“, die Erstfassung stammt aus dem Jahr 1917. Das Gedicht besteht aus vier Strophen, mit jeweils vier Versen. Es handelt von Abenteuern, die man sich vorgenommen hat, die aber aus den Augen verloren scheinen. Diese Abenteuer sind mit Qualen verbunden und nicht leicht zu erreichen: „Grinsend und fluchend und zuweilen nicht ohne Zähren Immer das Land, wo es besser zu leben ist.“ (Strophe 3, Vers 3-4) Hier ist noch die Lust auf die Welt und deren Abenteuer zu erkennen, die um jeden Preis auf sich genommen werden. In der letzten Strophe des Gedichts ist davon jedoch nichts mehr zu erkennen, während die anderen Strophen von der Lust an der Welt handeln, wird hier der Wunsch deutlich zur Ruhe zu kommen: „Schlendernd durch Höllen und gepeitscht durch Paradiese Still und grinsend, vergehenden Gesichts Träumt er gelegentlich von einer kleinen Wiese Mit blauem Himmel drüber und sonst nichts.“ (Strophe 4) Die Suche nach den Abenteuern weicht der Sehnsucht nach Erholung, welches nun als oberstes Ziel gesehen wird. Mit diesem Gedicht thematisiert Brecht den Gemütszustand des Menschen, welcher in der Moderne eine große Rolle spielt. Auch Sprengel sieht in seiner Theorie den Gemütszustand des Menschen als große Verwandlung dieser Zeit.

„Mahagonnygesänge“ heißt die vierte Lektion, die die Großstadtzivilisation thematisiert. Die Stadt Mahagonny steht hier als Metapher für den Kapitalismus der Großstädte. Gesänge verdeutlichen jedoch auch den christlichen Zusammenhang der Gedichte. Der Mahagonnygesang Nr. 3 handelt von Gott, der zu den Einwohnern der Stadt Mahagonny spricht und deren Handeln verurteilt. Das Gedicht verdeutlicht, dass der Mensch auf sich alleine gestellt ist. Brecht veranschaulicht eine ewige Wiederkehr, die für die ganze Anthologie charakteristisch ist. „An einem grauen Vormittag Mitten im Whisky Kam Gott nach Mahagonny Kam Gott nach Mahagonny. Mitten im Whisky Bemerkten wir Gott in Mahagonny.“ Heißt es in diesem Gedicht, in dem Männer aus Mahagonny mittags betrunken sind und in ihrem Delirium Gott begegnen. Sie stellen sich Gott also nur vor, die Realität ist nur von den Menschen alleine beeinflussbar. Auch den Aspekt der Abkehr vom Sentimentalen und dem Glauben an Gott ist für diese Zeit charakteristisch und im Text von Sprengel verankert.

Die letzte Lektion „die kleinen Tagzeiten der Abgestorbenen“ ist dem Gedenken an die Toten gerichtet. Hier heißt es, dass ein Leben sinnlos sei, wenn es nicht richtig gelebt worden ist. Nur ein ausgelebtes Leben macht den Tod erträglich und auch sinnvoll. Mehrdeutigkeit und Ambivalenz sind feste Bestandteile der Anthologie und ziehen sich durch alle vorhandenen Lektionen, dadurch gestaltet sich eine Interpretation schwierig. Immer wieder können neue Ansätze gefunden werden, die die Gedichte in einem neuen, anderen Licht erscheinen lassen. Das Schlusskapitel besteht aus dem Gedicht „Gegen Verführung“, welches 1918 entstanden sein soll. Es hebt sich von allen vorherigen Gedichten der Anthologie ab, da hier der Imperativ verwendet wird. Die Vorstellungen von „Gut“ und „Böse“ werden hier vertauscht und neu definiert. Jede der vier Strophen fängt mit dem Imperativ „Lasst“ an und stellt somit eine Aufforderung an den Leser dar. Brecht sagt in diesem Gedicht, dass das Leben kurzweilig sei und richtig gelebt werden müsse. Ein nicht ausgelebtes Leben würde nicht genug sein (Strophe 2). Wie in der Einleitung angekündigt, soll der Leser mit diesem Gedicht die Lektionen abschließen und findet dort etwas, was sich von den anderen Gedichten abgrenzt, aber sich nicht allzu sehr von ihnen unterscheidet. Brecht fordert hier richtig zu Leben und das Leben in vollen Zügen zu genießen, weil das Leben schnell vorbei sein kann und danach nichts mehr kommen würde. (Strophe 3 und 4). Abschließend ist festzustellen, dass das Werk von Brecht viele Aspekte der Moderne vereint, die auch Sprengel in seiner Theorie thematisiert. Bertolt Brecht appelliert mit der anspruchsvollen Anthologie an den Menschen, der seiner Meinung nach mehr Verantwortung für sich selbst übernehmen sollte.

Stilzuordnung

Neue Sachlichkeit

Literatur

Hillesheim, Jürgen/ Knopf, Jan (Hrsg.): Bertolt Brechts Hauspostille. Einführung und Analysen sämtlicher Gedichte, Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg 2013. Bertolt Brechts Hauspostille, https://www.buechergilde.de/leseprobe/items/hauspostille-vorzugsausgabe_156350.html, Stand 08.03.2015. Ballade von den Abenteurern, http://erinnerungsort.de/ballade-von-den-abenteurern-2c-die-_128.html, Stand 08.03.2015. Gegen Verführung, http://www.deutschelyrik.de/index.php/gegen-verfuehrung.html, Stand 08.03.2015.


AutorIn des Artikels: Carina Blumenroth