Lublinski, Samuel: Die Bilanz der Moderne: Geistige Struktur um 1890

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Die Bilanz der Moderne ist eine von Samuel Lublinski in Berlin im Jahre 1904 erschienene kritische Auseinandersetzung der „letzten zwanzig Jahre der modernen deutschen Literatur“ (Lublinski 1904: V). In seinem Werk bezieht sich Lublinski auf historische Ereignisse während der Jahrhundertwende und stellt „das soziologische und das sozial-psychische Element“ (Lublinski 1904: VIII) in den Vordergrund seiner Arbeit. Im ersten Teil seines Buches mit dem Titel Geistige Struktur um 1890 sind Parallelen zur Moderne-Theorie Jürgen Habermas‘ in Der philosophische Diskurs der Moderne erkennbar..

Verortung des Autors in seiner Epoche

Samuel Lublinski

Samuel Lublinski (* 18. Februar 1868 in Johannisburg, Ostpreußen; † 26. Dezember 1910 in Weimar) war ein Schriftsteller, Religionsphilosoph, Kritiker und Literarhistoriker. In der anfänglichen Zeit als Schriftsteller verfasste Lublinski eine Literaturgeschichte mit politisch-sozialen Gesichtspunkten. Auch in Die Bilanz der Moderne sind unter anderem politische und gesellschaftliche, aber auch historische Aspekte im Vordergrund, mit Hilfe derer Lublinski den Naturalismus und die Neuromantik kritisiert. In seiner Vorrede beschreibt er das Ziel seiner Arbeit als ästhetische Abschätzung der modernen deutschen Literatur mit der Bloßlegung ihrer sozialen Motive und der Zurückführung „auf ihr unbewußt waltendes Grundgesetz“ (Lublinski 1904: V), das kritisiert werden soll. Das Thema der Arbeit ist „das soziologische und sozialpsychische Element“, was bereits im ersten Teil seines Werks Geistige Struktur um 1890 zur Geltung kommt.

Die Bilanz der Moderne: Geistige Struktur um 1890

In seiner Arbeit Die Bilanz der Moderne mit dem ersten Teil Geistige Struktur um 1890 stellt Lublinski einen historischen Verlauf der Ereignisse der Moderne dar und verweist auf die gesellschaftlichen, politischen und ökonomischen Strukturen der Zeit.

Beginnend mit der Politik und der Entlassung des Reichskanzlers Fürst Bismarck, geht Lublinski bereits auf die Veränderungen, die diese Entlassung verursacht, ein. Zum einen ist durch Bismarcks Entlassung das Ausnahmegesetz gegen die Sozialdemokratie nicht mehr von Gültigkeit und zum anderen „sah sich aber auch die werdende neudeutsche Kultur durch diesen Umschwung vor eine Fülle von Problemen gestellt“ (Lublinski 1904: 3). Dies führt zu einer Auffrischung bzw. Modernisierung von Literatur und Leben, sodass der Begriff „Wahrheit“ zum neuen Schlagwort wird. Der Begriff Moderne kann also auch literarische Revolutionen und ästhetische Reformen beinhalten (Vgl. Becker; Kiesel 2007: 9). Der Wahrheitsbegriff wird mit der Gegenwart in Verbindung gesetzt, die wiederum mit Industrie und Naturwissenschaft verknüpft wird (Vgl. Lublinski 1904: 4). Auch Habermas spricht von der Entwicklung einer modernen Gesellschaft, die sich um den kapitalistischen Betrieb und bürokratischen Staatsapparat kristallisiert hat (Vgl. Habermas 1985: 9). Mit der industriellen Revolution entsteht eine „moderne Macht“ (Lublinski 1904: 4), die für das moderne Leben steht, sodass sich politische Parteikämpfe und die soziale Frage bilden. Es entstehen außerdem verschiedene Gesellschaftsklassen, die die unterschiedlichsten Interessen vertreten, wie Habermas mit der Erklärung des klassischen Bildes der Moderne verdeutlicht:

„[…] geprägt durch einen reflexiv gewordenen Umgang mit Traditionen, die ihre Naturwüchsigkeit eingebüßt haben; durch die Universalisierung von Handlungsnormen und eine Generalisierung von Werten, die kommunikatives Handeln in erweiterten Optionsspielräumen von eng umschriebenen Kontexten entbinden; schließlich durch Sozialisationsmuster, die auf eine Ausbildung abstrakter Ich-Identitäten angelegt sind und die Individuierung der Heranwachsenden forcieren“ (Habermas 1985: 10).

Auch Lublinski beschreibt die Bestimmung der jungen Leute durch Traditionen, sodass sich der ältere Liberalismus und Radikalismus in neuen politischen Bewegungen wiederfindet (Vgl. Lublinski 1904: 5f). Er spricht vom modernen Proletariat, dessen Ziel „die Überführung der Produktionsmittel in den Gesamtbesitz“ (Lublinski 1904: 7) ist. Dabei verweist Lublinski auf Hegels Theorie von Satz und Gegensatz, um vom einstigen Klassenegoismus des Proletariats zur „universalen Menschenliebe“ (Lublinski 1904:7) zu verweisen.

Häufig spricht Lublinski von der Expropriation der Expropriateure, die den Weg der politisch organisierten Arbeiter zu ihrem Ziel, der Überführung der Produktionsmittel in den Gesamtbesitz, beschreibt (Vgl. Lublinski 1904: 9), die er auch als dialektische Entwicklung bezeichnet. In seinem Zitat ist erkennbar um was es sich in der Moderne handelte: „Man mußte sich also mit Nationalökonomie, mit Einzeluntersuchungen über die Lage der verschiedenen Klassen und überhaupt mit volkswirtschaftlichen Problemen jeder Art gründlich beschäftigen"(Lublinski 1904: 11). Lublinski fasst alle Komponenten der Moderne zu einem Bündel zusammen, die sich gegenseitig beeinflussen und zu der jeweiligen Entwicklung führen, wobei Habermas klare Trennungen zwischen gesellschaftlicher Modernisierung und kultureller Moderne macht, die unabhängig voneinander sind (Vgl. Habermas 1985: 11).

So kommt auch die moderne Literaturbewegung nach Lublinski durch die gesellschaftliche Trunksucht, die zunächst untersucht und beschrieben wird (Vgl. Lublinski 1904: 13). Zusätzlich bildet sich eine moderne Naturwissenschaft, die mit ihren biologischen und physiologischen Tatsachen viele Menschen anspricht, sodass ein Streit in der Naturforschung um die Entwicklung der Menschheit entsteht. Dabei bilden sich gegensätzliche Seiten, von denen eine der Überzeugung ist, dass es sich um den darwinistischen „Kampf ums Dasein“ (Lublinski 1904: 15) handle, wobei die andere Seite die Hypothese einer langsamen Anpassung aufstellt. Charles Darwins Kampf ums Dasein bewirkt eine revolutionäre Stimmung und eine wissenschaftliche Exaktheit, die in die Politik überführt wird und eine Verbindung zur Expropriation der Expropriateure herstellt (Vgl. Lublinski 1904: 16).

Mit den politischen Klassen kommen auch Unterschiede zwischen Menschen zustande, wie Lublinski am Beispiel der Konservativen, die „die Legende von der Rasse“ (Lublinski 1904: 18) ausdenken, verdeutlicht. So entsteht, mit Hilfe der darwinistischen Biologie, die Meinung der Konservativen, dass sie die besseren Menschen seien (Vgl. Lublinski 1904: 20). Auch Habermas geht auf die Wissenschaft ein, die „die Natur entzaubert und das erkennende Subjekt befreit“ (Habermas 1985: 28), sodass der Mensch durch die Erkenntnis der Natur Freiheit erlangt. Bei Lublinski wird hier die negative Entwicklung und Sichtweise der Moderne deutlich, was bei Habermas in Der philosophische Diskurs der Moderne nicht der Fall ist.

Auffallend im ersten Teil Lublinskis Die Bilanz der Moderne ist, dass er auf in dieser Zeit lebende Persönlichkeiten eingeht, wie beispielsweise Schopenhauer mit seiner Schopenhauerischen Philosophie und Nietzsche, der Schopenhauers Schüler war, und sie für einige Entwicklungen und Beeinflussungen der Moderne verantwortlich macht. Als Abschluss stellt Lublinski eine Behauptung auf, dass Nietzsche die Verbindung zwischen der Moderne und der älteren Romantik getrennt habe, sodass weitere Entwicklungen zu neuen Zielen und die Scheidung der Gegensätze fortwährend weiterlaufen würden.

Literatur

Primärliteratur

Lublinski, Samuel: Die Bilanz der Moderne: Geistige Struktur um 1890. Verlag Siegfried Cronbach, Berlin 1904.

Sekundärliteratur

Becker, Sabina und Kiesel, Helmuth: Literarische Moderne. Begriff und Phänomen. De Gruyter, Berlin/New York 2007. S. 9-35

Habermas, Jürgen: Das Zeitbewußtsein der Moderne und ihr Bedürfnis nach Selbstvergewisserung. In: Der philosophische Diskurs der Moderne. Zwölf Vorlesungen. Suhrkamp, Frankfurt a.M. 1985. S. 9-33.


Autorin des Artikels: Kristina Grasmik