Aschenputtel

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Utopie und Märchen

In Märchen kommen Wunschbilder zum Vorschein, die durch einen selbstbestimmten Charakter geprägt sind. Der Inhalt beschäftigt sich meist mit den Lebensweisen und Sehnsüchten unterprivilegierter Schichten und schildert diese mit einer zukunftsweisenden Fantasie. Die Kraft der Märchen beruht auf der symbolischen Erzählform, denn durch diese werden die utopischen Züge deutlich. Der Ausdruck „Es war einmal“ ist oftmals kein Hinweis auf Vergangenes, sondern auf eine mögliche Welt. Die Protagonisten der Märchen stehen exemplarisch für diejenigen, die sich aus eigenem Antrieb aus misslichen Lagen befreien können. Sie können aus extrem unterschiedlichen Verhältnissen kommen, es ist nicht zwingend, dass sie arm sind. Ihre Gemeinsamkeit ist, dass sie die vertraute Umgebung als Gefängnis empfinden und ihr entfliehen wollen. Sie fliehen oftmals, um etwas Besseres zu suchen. Ungebundenheit, Weltoffenheit und Moral werden zur Voraussetzung für die Suche nach dem Glück, wobei offen bleibt, wie dieses Glück aussehen kann. Und da die Wunschvorstellungen der Helden offen bleiben, erlangen diese ihr Glück oftmals nebenher und ohne besondere Intentionen, als dass sie sich konkret auf das Ziel ihres Glücks zubewegen. Im Märchen stehen dem Helden/der Heldin oftmals Zaubermittel und Fantasiewesen bei, welche in der Utopie des Märchens als selbstverständlich gelten. Hier wird insbesondere die Differenz zwischen der Fantasiewelt und den gesellschaftlichen Strukturen der Zeit, in denen die Märchen mündlich verbreitet wurden, deutlich. Im Märchen gehen die jenseitige und diesseitige Welt fließend ineinander über. Zeit und Ort werden irrelevant. Die bereits erwähnten magischen Mittel und Fabelwesen als Helfer nehmen die Angst vor allem Undurchschaubaren. Das Magische intendiert ein Traumland, eine ideale Vorstellung, eine Utopie.


Aschenputtel

Aschenputtel bezeichnet das verpönteste von drei Geschwistern, das letztendlich die höchste Ehre erlangt. Die wohl bekannteste Figur des weiblichen Aschenputtels ist die der Erzählung nach den Gebrüdern Grimm: eine fleißige Magd, die von der Stiefmutter und den Stiefschwestern benachteiligt, sogar misshandelt wird, von überirdischen Kräften Unterstützung erhält, den schlechten Verhältnissen entkommen kann und am Ende des Märchens ihren Prinzen heiratet. Das Grimmsche Märchen Aschenputtel gehört zur Gattung der Volksmärchen, genauer gesagt zu den Zaubermärchen, weil seine Heldin das Happy End mit Hilfe von Magie erreicht. Historisch gesehen waren die Bürger der ländlichen Unterschicht Träger der Märchen, die oft in feudalen Abhängigkeitsverhältnissen lebten, aus denen sie sich nicht befreien konnten. Im Märchen konnten sie von einer besseren Welt träumen, in der, wie in "Aschenputtel", ein einfaches Mädchen zur Braut des Prinzen wird - und das eben mit magischer Hilfe. Diese Märchen boten somit utopische Gegenentwürfe zur Realität und machten diese durch die mündliche Verbreitung lebendig. Sicher hatten die jungen Mädchen damals auch ihre Träume, die sie zumindest im Märchen erfüllt sahen, und die ihnen somit zeitweise ihren Alltag verschönerten (so wie es heute z.B. das Fernsehen tut). Stilistisch wird das Märchen geprägt durch einen parataktischen Satzbau, formelhafte Wendungen, direkte Rede und Verse, die besonders an Stellen bei der Begegnung mit dem Jenseitigen stehen, sowie das Happy End, das das Märchen mit der Trivialliteratur verbindet. Märchen sind nicht nur einfach Fantasiegeschichten, sondern Hilfestellungen für Menschen aller Altersklassen, die bestimmte historische und familiäre Situationen widerspiegeln. Die Märchen drücken Gesellschaftskritik aus, da sie ursprünglich, wie bereits erwähnt, aus den ländlichen Unterschichten stammen, wie z.B. Bauern, Knechte und Tagelöhner, die keine Aussicht auf eine Verbesserung ihrer gesellschaftlichen / finanziellen Lage hatten. Märchen entsprechen Wunschvorstellungen und geben Hoffnung. Die Märchenwelt ist ein utopischer und eindimensionaler Ort, in dem man von einem besseren Leben träumen kann. Man erfährt allgemein wenig über diese seltsame und eigenartige Welt, weil keine zusätzliche Beschreibung der Umgebung vorhanden ist. Die Welt ist ähnlich zu der allgemeinen Lebenswelt in Europa, im Bezug auf z.B. Natur und Gebäude. Die Handlung findet immer wieder in Städten, Schlössern oder Wäldern statt. Die Märchenwelt passt nicht zu einem bestimmen Ort auf der Erde und um diese Utopie zu unterstreichen, wird von „einem fernen Land weit, weit weg“ gesprochen. Das Märchen hat auch keine historischen Bezüge und die Zeitangabe ist „lange, lange her“. Wenn ein bestimmter Ort und eine bestimmte Zeit genannt werden würden, wäre die Fantasie des Lesers eingeschränkt und würde an Wirkung einbüßen. Märchen beginnen häufig mit dem Satz „Es war einmal...“, was für den Leser eine glücklichere Vergangenheit bedeuten kann, oder aber ein Model für eine mögliche zukünftige Welt ist. Auch die Dimension der Zeit fehlt. Einzelne Stunden oder Tage werden nicht genannt, sondern es vergeht ein Winter oder Jahre, um Zeitsprünge zu schaffen. Der Märchenheld ist nicht von der Zeit betroffen. Man weiss nur, was in dem Moment der Handlung passiert, Vergangenheit oder Zukunft werden größtenteils ausgelassen. Im Märchen werden dem Leser nicht nur die schönen Seiten der Dinge gezeigt, da viele Märchen ziemlich brutal sind. Böses und Gutes sind allgegenwärtig und das Märchen konfrontiert den Leser mit grundlegenden menschlichen Ängsten und Nöten. Die Märchen gehen, auch wenn es auf den ersten Blick nicht so scheint, auf viele Ebenen des menschlichen Seins ein.


Autorin des Artikels

Lena Münch