Gedächtnis

Aus Transkulturalität
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Gedächtnis „Fähigkeit, Sinneswahrnehmungen oder physische Vorhänge (in Gehirn) zu speichern, sodass sie bei geeigneter Gelegenheit ins Bewusstsein treten können; Vermögen, Bewusstseinsinhalte aufzubewahren, zu behalten, zu speichern und sich ins Bewusstsein zurückzurufen, wieder zu beleben; Erinnerungsvermögen.“ (Dudenredaktion 2015, S. 680) Gedächtnis der Art und Weise womit man vergangene Erfahrungen und Ergebnisse speichert. Es ist einer der Thesen man immer zum Ursprung del Kultur wieder kommt, ganz oft als Themenpaar in Verbindung mit Erinnerung. Aleida Assmann schließt Gedächtnis als eines der Leitbegriff der Kulturwissenschaft ein. Der Forschung das Gedächtnis unterscheiden sich hauptsächlich in zwei Ebenen: individuell und kollektiv.

1) Experten: Maurice Halbwachs und Aby Warburg prägten den Begriff und untersuchten als erste in eine systematische Art und Weise das Gedächtnis als ein Phänomen im Rahmen der modernen Kulturtheorie. a) Maurice Halbwachs (1877–1945) Französischer Soziologe i) La mémoire collective Unter Halbwachs Thesen geht individuelle Erinnerung nur im Zusammenhang mit anderen Menschen durch Interaktion, Kommunikation, kollektive Dynamiken und soziale Bezugsrahmen um. Gedächtnis ist ein kollektives Phänomen, die nur in Beziehung mit anderen Individuen ermöglich, Ereignisse von der Vergangenheit zu verorten, deuten und erinnern. (Erll 2017, S. 13). In Grunde genommen, individuales und kollektives Gedächtnis sind miteinander verknüpft, das erstes ist ein ‚Ausblickspunkt’ auf das zweites.


Drei Dimensionen von Halbwachs’ Konzept der mémoire collective und einige Zweige ihrer wissenschaftlichen Weiterführung. b) Aby Warburg (1866 – 1929) Deutscher Kunsthistoriker und Kulturwissenschaftler i) Mnemosyne - Atlas Der Bild steht als Dokument des Gedächtnisses, womit die Kulturgeschichte von Europa in eine nicht linear eingeordnet Art und Weise erzählt werden kann. Der ‚Wiederkehr künstlerischer Formen‘ „[…] führte auf die erinnerungsauslösende Kraft kultureller Symbole zurück“ (Erll 2017, S. 16).

Bilderreihe von der „Mnemosyne-Atlas“ c) Aleida Assmann (1947) Deutsche Anglistin, Ägyptologin und Kulturwissenschaftlerin i) vier Formen des Gedächtnisses (1) Individuelles Gedächtnis: Es ist unaustauchbar, unübertragbar, fragmentarisch, flüchtig und labil aber nicht isoliert von der Erinnerung andere Individuen. (2) Generationen Gedächtnis: Menschen, die zu einer selben Generation gehören, haben ein verschiedenes Erinnerungsprofil, erinnern Vorgänge ähnlich und teilen Perspektiven. Jede Generation hat bestimmte Merkmale, die sich zu dem Angehörigen anderer Generationen unterschied. (3) Kollektives Gedächtnis: Institutionen und Körperschaften ‘machen‘ sich eine Identität durch Gedächtnismedien und -übungen (Zeichen und Symbole, Texte, Bilder, Riten, Praktiken, Orte und Monumente). Diese Gedächtnisinhalte prägen und vereidigen die Menschen in eine bestimmte Art und Weise, sodass sie Trägern des kollektiven Gedächtnisses werden. (4) Kulturelles Gedächtnis: Kulturen sind eine Art von partiellen Versicherungssysteme gegen allgemeines Vergessen, die durch Speichermedien und Überlieferungsformen schützen und vermittelt lebenswichtiges und identitäts-relevantes Wissen, die über Generationen geprägt werden kann. d) Jan Assmann (1938) Deutscher Ägyptologe, Religions- und Kulturwissenschaftler i) Kulturelles Gedächtnis (1) Der Begriff fasst zusammen, die Gesamtheit von den Kenntnissen die bedingt in welche Art und Weise und wieweit eine Gesellschaft sich handelt. Es ist abhängig von der Wiederholung und Wissensvermittlung von Generation zu Generation. (2) Texte, Bilder und Riten sind von jeder Gesellschaft und Epoche ständig weiterhin verwenden. Die Stützung dieser Elemente durch das kulturelle Gedächtnis trägt dazu bei, ein bestimmtes Selbstbild von einer Gruppe laufen der Zeit zu stabilisieren, schützen und übertragen. Auf diese Weise ist es möglich die Gemeinsamkeiten und Merkmale von einer Gruppe durch die Zeit zu bewahren.

Gegenüberstellung von kommunikativem Gedächtnis und kulturellem Gedächtnis (In: J. Assmann 1992, S. 56). e) Astrid Erll Kulturwissenschaftlerin i) Transkulturelle Erinnerung Die Auseinandersetzung mit den Theorien der Autorin ist für unser Forschungsgebiet von großer Bedeutung, da Erll die grenzüberschreitende und transkulturelle Erinnerung in eine globalisierte Welt analysiert und drei Richtungen im Studienbereich unterscheidet. (1) Erinnerung im Zeitalter der Globalisierung: Wie kulturelle und wirtschaftliche Dynamics im Zeitalter der Globalisierung das Gedächtnis beeinflusst. (2) Grundlegende Transkulturalität der Erinnerung Das Konzept ‚transkulturelle‘ Erinnerung „geht es um die Zirkulation und Vermischung von Inhalten, Formen, Medien und Praktiken des Gedächtnisses“ solche als Erinnerungsbewegungen und -hybrisierungen. (Erll 2017, S. 123). (3) Memory Studies als transnationale Forschungspraxis Die Gedächtnissforschung als Praxis ist eine hoch transnationale Dynamik. Nicht umsonst wurde im Jahr 2016 der International Memory Studies Association gegründet, der sich dem Studium des Memory Studies widmete.


1) Glossar:

   a) Erinnerung:

Bei der Erinnerung, bzw. bei der Erinnerungskultur, handelt es sich um eine soziale Verpflichtung, die eine Gruppe betrifft. Es geht um die Frage, was nicht vergessen werden darf. Jede soziale Gruppe hat, mehr oder weniger zentral, eine solche Frage. Es ist ein universales Phänomen. Bestimmte Erinnerungen werden in jeder sozialen Gruppierung weitergegeben und in den Konsens des Erinnerns aufgenommen.

   b) Vergessen:

Das Vergessen wird oft als Gegensatz zu dem Erinnern gesehen. Jedoch dürfen beide Begriffe weder gegenübergestellt werden, noch sollte man sie gleichstellen. Sie sind vielmehr miteinander verbunden und kohärent zueinander. Es gibt zwei Arten des Vergessens. Das eine Vergessen, welches mit der Verwahrung des Gedachten, seine Rückkehr ins Denken ermöglicht. Es ist also eine Erhaltung des Vergessenen. Und zum anderen gibt es das Vergessen, welches mit dem Verlust zusammenhängt. Durch Mechanismen im Gehirn werden unwichtige oder traumatische Erinnerungen verdrängt und vergessen.

   c) Postmemory und Trauma:

Das Postmemory-Konzept beschreibt die Beziehung der Generation, die erst nach einem Ereignis auf die Welt gekommen sind, und dem ertragen des persönlichen, kollektiven und kulturellen Traumas, welches durch das Ereignis bzw. die Erinnerung ausgelöst wurde. Dabei ist das Trauma auf jeder Ebene anders zu betrachten. Trauma kann für jeden individuell anders sein und dennoch auf kollektiver Ebene gleich verstanden werden. Postmemory bezieht sich darauf, dass die betroffene Generation nur durch Erinnerungen und Erzählungen das Trauma aufnehmen und verstehen kann und die Auswirkungen der Ereignisse immer noch präsent sind.

   d) Gedächtnismedien:

Wenn man von Gedächtnismedien redet, dann spricht man von Dingen wie Zeichen, Symbolen, Texten, Bildern, Riten, Denkmälern und Orten. Also Dinge, die in einem Bedeutungszusammenhang stehen. Diese Objekte werden archiviert, weitergegeben, transformiert und gegebenenfalls auch verloren, da an ihnen eine Bedeutung haftet, ein Wert oder eine Erinnerung, sei sie individuell oder kollektiv.

   e) Formen des Gedächtnisses:
       I.   Speichergedächtnis:

Mit dem Speichergedächtnis wird eine Fülle von Daten und Überlieferungsbeständen beschrieben, die heutzutage nicht mehr gebraucht werden, auf die aber dennoch zugegriffen werden kann. Es hat keinen direkten Bezug zur Gegenwart und ist unstrukturiert. Zudem dient es dazu korrektiv für das Funktionsgedächtnis zu sein.

       II.  Funktionsgedächtnis:

Als Gegensatz zu dem Speichergedächtnis, sind die Funktionsgedächtnisse geordnete Erinnerungen, die von einer Kultur, einer sozialen Gruppe oder einem Individuum geteilt werden. Es ist somit mit der Gegenwart verknüpft und umfasst nur einen kleinen Teil des Speichergedächtnis.

       III.  Kommunikatives Gedächtnis: 

Das kommunikative Gedächtnis bedeutet die mündliche Weitergabe von persönlichen Erfahrungen. Zusammen mit dem kulturellen Gedächtnis bildet es das kollektive Gedächtnis. Es ist von der mündlichen Überlieferung der vorangegangenen Generationen abhängig und stirbt mit ihren Trägern aus. Die mündliche Erzählung ist informal und veränderbar.

       IIII. Kulturelles Gedächtnis:

Der Begriff kulturelles Gedächtnis beschreibt alle Traditionen, die über Generationen hinweg, in jahrtausendfacher Wiederholung, in unser Bewusstsein ein gehärtet wurden. Und durch dessen wiederholten Texte, Riten und Bilder unser Zeit-; Welt-, und Selbstbild geprägt und beeinflusst wird.




2) Literaturverzeichnis – Assman, Aleida: Einführung in die Kulturwissenschaft. Grundbegriffe, Themen, Fragestellungen. 4., durchgesehene Auflage. Berlin: Erich Schmidt 2017. – Dudenredaktion, Hgg.: Deutsches Universalwörterbuch. Das umfassende Bedeutungswörterbuch der deutschen Gegenwartssprache. 8., überarbeitete und erweiterte Auflage. Berlin: Duden 2015. – Erll, Astrid: Kollektives Gedächtnis und Erinnerungskulturen. Eine Einführung. 3., aktualisierte und erweiterte Auflage. Stuttgart: Springer 2017. – Erll, Astrid / Nünning, Ansgar, Hgg.: Cultural Memory Studies. An International and Interdisciplinary Handbook. Berlin/New York: de Gruyter 2008. – Halbwachs, Maurice: Das kollektive Gedächtnis. Frankfurt an Main: Fischer 1985 (orig.: La mémoire collective. Paris: Presses universitaires de France 1950). – Landwehr, Achim. Kulturgeschichte. Stuttgart: UTB 2009. - Assmann, Jan: Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und politische Identität in früheren Hochkulturen. 4., Neuauflage. 2007 - Assmann, Aleida: Formen des Vergessens. 2016 - Jähnert, Gabriele (Hrsg.): Gendered Objects. Wissens- und Geschlechterordnungen der Dinge. Vedder, Ulrike: Weitergeben. Verlorengeben: Dinge als Gedächtnismedien. 2012 Berlin. - Assmann, Aleida: Generation und Gedächtnis. Erinnerungen und kollektive Identitäten.1995