Initiationsrituale

Aus Transkulturalität
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Einleitung:

Als Initiationsriten (Singular: Initiationsritus; auch Initiationsritual) werden gemeinhin kulturelle, soziologische und/ oder entwicklungspsychologisch festgelegte Handlungsabläufe bezeichnet, die den Übergang eines oder mehrerer Individuen in eine spezifische Gruppe von Individuen bezeichnen. Dabei stellen Initiationsriten häufig den Übergang eines Individuums vom Kind bzw. Jugendlichen zum Erwachsenen oder die Aufnahme von jemandem in eine Gruppe oder auch die Einweihung in ein Geheimnis dar, die sogenannte Initiation (Stangl, 2019)1. Diese Riten können nach J. S. La Fontaine begriffen werden als “artifizielle Erfahrungen”, kreiert von Dirigierenden um gewisse Eindrücke zu erzeugen und somit die Partizipierenden einzuführen, in die Welt die sie mimen (Initiation, 1986)14.


Begriffsherkunft:

Der Begriff Initiationsritus ist ein Komposita aus den beiden kulturwissenschaftlichen Begriffen “Initiation” (Lat.: initiatio, Gen.-onis, „feierlicher Geheimritus; zu Lat.: initiare „einweihen, einführen“), der im Altertum die Zulassung zu den Mysterien, z. B. dem Mithraskult und die Aufnahme in einen Geheimbund, in der Völkerkunde auch die Reifefeier oder -weihe, bezeichnet, und “Ritus” (Lat.: ritualis „zum religiösen Brauch gehörig“; zu Lat. ritus „religiöser Brauch“), der einen nach vorgegebenen Regeln ablaufender Brauch bzw. eine Gewohnheit bei feierlichen Handlungen oder in Ausübung einer religiöser Handlungen, bezeichnet.


Initiation in der Religion:

Christentum: Die Sakramente des Christentums, die Taufe, Erstkommunion, Firmung und der erstmalige Empfang der Eucharistie symbolisieren die Eingliederung des Gläubigen in die christliche Gemeinschaft.8

Judentum: Im Judaismus wird mit dem 13. Lebensjahr der Jungen, beziehungsweise dem 12. Lebensjahr der Mädchen, durch die Bar Mizwa (bzw. Bat Mizwa) der Eintritt in die Adoleszenz und somit in die religiöse Mündigkeit begangen.9

Hinduismus: Im Hinduismus unterziehen die Praktizierenden sich den “Samskaras”, Rituale, die als Reinigungs- oder Vollendungsprozess verstanden werden. Das Wort “samskara” bedeutet soviel wie “vervollständigen” oder “vorbereiten”. Das Kastensystem erlaubt ausschließlich den Jungen der oberen Kasten die Teilnahme an der Zeremonie Upanayana, in welcher die heilige Schnur, Kennzeichen der Initiation, vergeben wird.10

Islam: Während im Islam zwar verschiedene Riten zur Geburt eines Kindes existieren (Adhan-Gebet zur Geburt des Kindes, Tasmiyah-Namensgebung, Aqeeqah-Opferrituale zur Danksagung und Khitan- Beschneidung des Kindes) ist kein initiationsähnlicher Prozess bekannt, da der Islam als monotheistische Religion sich als einzig wahrer Glauben versteht. Da jeder Mensch als Muslim geboren wird, ist eine Aufnahme in den Glauben nicht vonnöten. 11

Buddhismus: Da der Buddhismus sich weniger mit der religiösen Gemeinschaft und der Anbetung von Gottheiten als mit der Überwindung des irdischen Leids beschäftigt, finden sich auch in dieser Religion wenige bis keine Beispiele eines Initiationsritus im herkömmlichen Sinne einer Aufnahme. Initiation im Buddhismus wird begriffen als die Einführung in tantrische Rituale, fortgeschrittene meditative Übungen die zur Verinnerlichung besonderer Weisheit führen sollen.12

Polytheismus der Antike: Die Mysterienkulte der Antike, ähnlich der noch heute existierenden tribalistischen Kulturen, bedienten sich bei ihren Ritualen der Initiation oft der Symbolik der Geburt (bzw. Wiedergeburt). Da diese kultischen Vereinigungen sich jedoch als Geheimgesellschaften verstanden, sind nur selten Fragmente von Aufzeichnungen ihrer Riten überliefert. Dokumente des Isis-Kult gibt es jedoch oft als Aufzeichnungen in dreisprachiger Form. Diesen ungenauen Überlieferungen geschuldet lassen sich selten präzise Angaben zu genauen Praktiken, besonders im Mithras- oder Kybele und Attis-Kult, machen. Orientiert an den Isis-Kulten können jedoch Vermutungen angestellt werden; in diesen durchlief der Einzuführende symbolisch einen erdachten Tod, sowie die darauf folgende Wiedergeburt um die Transition in sein neues Leben, neues “Sein”, zu begehen, oft begleitet durch die Ritualschlachtung eines Opfertieres. 13


In (Geheim-)Bünden:

Ritualisierte Praktiken der Initiation finden sich unter anderem in den folgenden (Geheim-)Bünden: Freimaurer; Ku-Klux-Klan; Illuminatenorden; Orden der Gold- und Rosenkreuzer; italienische Mafia 2; Triaden; Yakuza; Bohemian Club; (ausgewählte) Studentenverbindungen; (ausgewählte) (Jugend)Banden. Hierbei handelt es sich lediglich um eine kleine Auswahl.


Weitere Beispiele für Initiationsriten weltweit:

Ritterschlag; Jugendweihe; Bizutage; Äquatortaufe; Dedowtschina; Blanket Party; Neptunfest; Bora-Zeremonie; Heldenreise; Visionssuche; Gautschen, Hazing, Ragging


Forschungsstand:


Mircea Eliade:

Der rumänische Historiker Mircea Eliade definierte den Initiationsritus als eine Grundlegende Veränderung des existenziellen Zustandes (“a basic change in existential condition”)3.

Eliade differenziert bei Initiationsriten vor allem die beiden Aspekte “Art (Type)” und “”Funktion (Function)”.

Mögliche Funktionen von Initiationsriten sind nach Eliade das Erreichen transzendenter Zustande (“"(...)it reveals a world open to the trans-human, a world that, in our philosophical terminology, we should call transcendental."), das Bewusstwerden von Verantwortung und Teilhabe für/an der eigenen Kultur ("[initiation's] function is to reveal the deep meaning of existence to the new generations and to help them assume the responsibility of being truly men and hence of participating in culture.") und/oder die Überwindung der Angst vor dem Tod ("this real valuation of ritual death finally led to conquest of the fear of real death.")

Eliade unterscheidet grundsätzlich zwei Arten von Initiationsriten, Übergangsriten, "by virtue of which adolescents gain access to the sacred, to knowledge, and to sexuality-- by which, in short, they become human beings." und spezifizierte Initiatinsriten, “which certain individuals undergo in order to transcend their human condition and become protégés of the Supernatural Beings or even their equals." 3


In der Psychologie

Es liegen Studien vor, die darauf hinweisen, dass insbesondere schwere Formen des Initiationsritus zu kognitiver Dissonanz führen können 4. Diese Dissonanz kann unter den Initiationsteilnehmern zu verstärkten Gefühlen von Gruppenzugehörigkeit führen, um die erlittenen Strapazen zu rechtfertigen 5. Auch wie sehr ein Initiationsteilnehmer während oder nach dem Ritual für seine Teilnahme belohnt wird, soll sich auf den Grand der anschließenden Identifikation mit der Gruppe auswirken 6. Weitere Untersuchungen legen nahe, dass Initiationsriten ein als positiv wahrgenommenes Gefühl von Zugehörigkeit erzeugen können 7.


Literatur:

1 Stangl, W. (2019). Stichwort: 'Initiationsritus'. Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik.

2 Gambetta: The Sicilian Mafia. S. 262–270 ff.

3 Mircea Eliade, Rites and Symbols of Initiation, first edition, New York, NY Harper and Row, 1958

4 Aronson, E.; Mills, J. (1959). "The effect of severity of initiation on liking for a group". Journal of Abnormal and Social Psychology. 59 (2): 177–181.

5 Festinger, L (1961). "The psychological effects of insufficient rewards". American Psychologist. 16 (1): 1–11.

6 Kamau, C. (2012). What does being initiated severely into a group do? The role of rewards. International Journal of Psychology

7 Lodewijkx, H. F. M.; van Zomeren, M.; Syroit, J. E. M. M. (2005). "The anticipation of a severe initiation: Gender differences in effects on affiliation tendency and group attraction". Small Group Research. 36 (2): 237–262.

8 Holeton, David R. (1987/88): “Die Erneuerung der christlichen Initiation in der anglikanischen Kirche”. Jahrbuch für Liturgik und Hymnologie,Vol. 31, pp. 176-195

9 Geffen, Rela M. (1993).: “Celebration and Renewal: Rites of Passage in Judaism” S.6-7 ff

10 Nicholas, Ralph W.(1995).:“The Effectiveness of the Hindu Sacrament (Samskara): Caste, Marriage and Divorce in Bengali Culture” From the margins of Hindu Marriage, Oxford University Press S.137-139ff

11 Baldwin, Sharin; Johnson, Mark R. D. (2016).: “Working with Diverse Communities” Health Visiting: Preparation for Practice S.229

13 Ezquerra, Jaime Alvar (2008).: “Romanising Oriental Gods: Myth, Salvation, and Ethics in the Cults of Cybele, Isis, and Mithras” S.214-218

14 La Fontaine, J. S. (1985,1986) : Initiation, Manchester University Press S.181



Weblinks:

1 https://lexikon.stangl.eu/2569/initiationsritus/ (2019-06-10)

12 https://studybuddhism.com/de/tibetischer-buddhismus/tantra/buddhistisches-tantra/was-ist-eine-initiation