Das Kugeltranszendentale Vorhaben

Aus Orte der Utopie
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Autor: Johanna Braun und Günter Braun

Titel: Das Kugeltranszendentale Vorhaben

EA: 1883

Verlag: Suhrkamp Verlag (BRD)

Genre: Phantastischer Roman


Kontext/Inhalt: Der betagte Richard Schrimms arbeitet als Gepäckabfertiger bei der Reichsbahn, nach Feierabend zieht er sich in sein Schrebergartenhäuschen zurück und hört gerne ausländisches Radio. Eines Tages empfängt er auf dem Sendeplatz eines Südsee-Jazz-Senders einen Monolog in unbekannter Sprache. Er ist so fasziniert von dieser Fremdsprache, die er seither Abend für Abend über sein Radio empfängt, dass er – nach dem gescheiterten Versuch, sich Hilfe bei einem Linguistik-Institut zu holen – beginnt, die Sprache zu dechiffrieren. Er nimmt auf dem Postweg Kontakt mit dem Jazz-Sender auf und erhält tatsächlich eine Antwort in Form eines Pakets, dessen Inhalt den Herren augenblicklich auf Kugel-37-a transferiert. Er soll der diktatorischen Regierung bei ihrem Kugeltranszendentalen Vorhaben helfen, von dem er nicht genau erfährt, worum es sich dabei handelt.


Epoche: Moderne – Literatur der DDR (Science-Fiction-Literatur) Die Popularität von Science-Fiction-Literatur nahm in der DDR nach dem Beginn der Raumfahrt, und damit der theoretischen Möglichkeit, bisher unentdeckte Galaxien, Lebensformen und damit auch Technik sowie Gesellschaftssysteme zu entdecken , ebenso wie in der BRD zu, allerdings fand die Unterhaltungsliteratur der DDR im Westen wenig Beachtung. Der Roman „Das Kugeltranszendentale Vorhaben“ stammt aus der Feder des Ehepaar Brauns, die ausnahmslos gemeinsam publizierten und zu den Autoren aus der DDR gehören, deren Werke auch in der BRD veröffentlich wurden. Die Brauns distanzieren sich vom Science-Fiction-Begriff, da im Mittelpunkt ihrer Erzählungen die Figuren und ihre Auseinandersetzung mit der unter Umständen phantastischen, fremdartigen und gesellschaftssystematisch anderen Umwelt, und bezeichnen ihre Werke deshalb als „phantastisch“.


Intertextualität: -


Utopischer Ort: Kugel-37-a ist ein von Tunneln durchzogenes Gebilde, in dessen Röhrensystemen die Tunnelmenschen in regelrechter Dunkelheit ihr Dasein fristen. Regiert werden sie von Fonforma, einer Maschine in Gestalt einer Frau, durch den sogenannten Fonformismus, einer Gehirnwäsche, die alle kritischen Gedanken in positive verwandelt und sie somit im Keim erstickt. Richard Schrimms soll als Wortler Wortkonstruktionen, die in Form von abstrakten Gebilden aus seinem Mund gezogen werden, abgeben, um der diktatorischen Regierung bei der Fonformierung der Tunnelmenschen zu helfen. Um das Kugeltranszendentale Vorhaben wird ein großer Wirbel gemacht, Fragen und Nachforschungen sind jedoch unerwünscht. Für den Protagonisten präsentiert sich der Ort zunächst exotisch und aufregend, recht schnell bemerkt er jedoch, wie traurig das Leben auf Kugel-37-a ist. Nicht nur, dass alle Bewohner nach den Vorstellungen des Fonformismus fonformiert werden, nein, das einzige Nahrungsmittel sind Gurken, die zwar alle Nährstoffe enthalten, aber für einen Menschen von der Erde eine Zumutung darstellen. Dagegen ist die begrenzte Auswahl an Lebensmitteln in der DDR luxuriös. Im Roman findet sich parallel ein weiterer utopischer bzw. dystopischer Ort, nämlich Richard Schrimms Heimat, die Deutsche Demokratische Republik. Der Kommunismus, der in der DDR herrschte, ist eine utopische Staats- und Gesellschaftsidee, in welcher eigentlich vollkommene Gerechtigkeit und Gleichheit herrschen soll. Diese Idealvorstellung glaubte die Regierung nur mit vollkommener Überwachung durchsetzen zu können und um diese zu gewährleisten, wurde das Volk quasi eingesperrt. Abgesehen davon, dass das Gleichheitssystem und die Planwirtschaft ökonomisch nicht die gewünschten Effekte erziehlten, wurden die Bürger der DDR ihrer Freiheit beraubt. Die utopische Gesellschaftsform des Kommunismus schwang also partiell in eine Dystopie um, in der keine physische (die Möglichkeiten zu Reisen waren sehr begrenzt) und auch keine psychische (z.B. Meinungsfreiheit, künstlerische Freiheit) Freiheit herrschte. Auch im Roman wird an einigen Stellen unterschwellig erwähnt, dass Richard Schrimms sich von der Regierung der DDR überwacht fühlt und er sich vor einem Fehltritt fürchtet. Er bemüht sich beispielsweise sein Schreiben an den vermeintlichen Jazz-Sender möglichst so zu formulieren, dass die Beamten, die den Brief auf eventuelle staatsfeindliche Inhalte überprüfen, nicht verstehen, um was es wirklich geht. Auf den ersten Blick haben die beiden utopischen Orte nicht viel miteinander zu tun. Diktatur und Kommunismus stellen ein Gegensatzpaar dar, dennoch weisen beide Orte Ähnlichkeiten auf. Auf der einen Seite der imaginäre, diktatorisch regierte Tunnelplanet, der seine Bewohner nach ganz bestimmten Vorstellungen formt, auf der anderen Seite die kommunistisch geführte DDR, ein realer Ort, an dem eine Auflehnung gegen die Machthabenden ebenso unerwünscht war und durch Überwachung und „Freiheitsentzug“ versucht wurde, diese im Keim zu ersticken. Der Kommunismus in der DDR unterdrückte das Volk ebenso, wie die Fonforma die Tunnelmenschen. Kugel-37-a kann als ein Muster für eine Diktatur genommen werden, in der das Volk unter einer extremen Unterdrückung leidet. Die Tunnelmenschen sind keine Individuen, sondern gleichen Arbeitstieren, die sich nach dem richten sollen, was ihnen diktiert wird. Im Gegensatz zu diesen Umständen, sind die Lebensverhältnisse in der DDR geradezu paradiesisch. Weil Science-Fiction-Literatur in der DDR häufig zu Propaganda-Zwecken genutzt wurde, ist es möglich, dass Kugel-37-a als Negativbeispiel fungiert, durch dessen Darstellung die DDR positiv hervorgehoben werden soll. Andererseits muss auch der ironische, ja parodische Unterton der gesamten Geschehnisse, die Richard Schrimms auf Kugel-37-a widerfahren, erwähnt werden, wodurch besagtes „Negativbeispiel“ ins Lächerliche gezogen wird und seine Funktion bisweilen verliert.

Literatur: SIMON, Erik und SPITTEL, Olaf R. (Herausgeber): Die Science-fiction der DDR. Autoren und Werke. Ein Lexikon. Verlag das Neue Berlin, Berlin: 1988. HEIDTMANN, Horst: Utopisch-phantastische Literatur der DDR. Untersuchungen zur Entwicklung eines unterhaltungsliterarischen Genres von 1945-1979.Wilhelm Fink Verlag, München: 1982


Autorin des Artikels: Lina Späth